“Time is approachin´, the captain moves on”

So, das wäre geschafft. Nach unsäglichem Stress und der puren Panik im Nacken, habe ich mittwochs endlich ein Zimmer gefunden. Hat zwar ein paar Tage gedauert und es sind sicher keine königlichen Gemächer, aber für 5 Monate reicht´s. Und die Mitbewohner sind auch in Ordnung. 1 Brasilianerin, 2 Brasilianer und 1 Pole – wobei man den Brasilianern ihre Herkunft nicht ansieht: die sind blasser als Schnee im Winter, hehe.

Durch die stundenlange Marschiererei zum UCD (und wer mich kennt, weiß, ich bin selten in der Lage, langsam zu gehen) schmerzt mein Fuß immer noch direkt aus der Hölle. War vermutlich keine gute Idee, hauptsächlich in schicken Herrenschuhen rumzulaufen. Stil gibt’s eben nicht umsonst und wer schön sein will, muss leiden – sagen zumindest diverse Binsenweisheiten. Aber wie Sven Regener schon so schön gesungen hat: „Schlauer ist man immer hinterher.“ (Element of Crime: In mondlosen Nächten; auf: Immer da wo du bist bin ich nie). Also Bromelain schlucken und versuchen, am Campus mein studentisches Internetkonto einzurichten. Läuft eher semi-erfolgreich. Probieren wir morgen gleich wieder.

Ich mache mich auf zu den Leuten in Galloping Green, bei denen ich mir vor 2 Tagen ein Zimmer angesehen hatte. Denen sollte abgesagt werden. Leider treffe ich niemanden an. Dann muss eine SMS eben genügen. Ich fahre zurück ins Stadtzentrum, O´Connell Street (sehr zum empfehlen, allein schon wegen der überdimensionierten Lanze, die dort empor ragt, „Spire“ genannt), biege in die Henry Street ein, wo´s haufenweise Telefonläden gibt. Handy aufladen und dann ab ins Abrahams House, meine Unterkunft für die kommende Nacht. Ein letztes Mal Herberge, bevor ich endgültig mein eigenes Zimmer beziehe. In der Lobby hat man recht guten Wlan-Empfang und so sitze ich dort, lasse mich von der Sonne bescheinen und belästige meine neuen Philosophie-Dozenten per Mail mit meiner Existenz. Man gönnt sich ja sonst nichts im Leben. Danach noch ein bisschen was zur „Philosophy of Autobiography“ lesen, über Moral und Vergangenheit und über moralische Integrität. Sieht im weitesten Sinne nach Ethik aus. Sehr schön.

Das erste Seminar zu obigem Thema, eine Woche nach meiner Ankunft, verläuft dann auch sehr gut. Eine kleine, feine Runde, alles in allem doch eher analytisch ausgerichtet, aber nicht zu utilitaristisch. Ein Masterseminar zwar, aber zumindest in der ersten Sitzung kann ich noch gut folgen. Ist mal was Neues, aber durchaus angenehm. Im Seminarraum ist es warm und sonnen kann man sich hier auch noch. Urlaub mit intellektuellem Anspruch quasi – zur Nachahmung empfohlen.

Draußen ist es empfindlich kalt, dank eines beständigen Windes. Trotzdem laufen hier Leute in kurzen Hosen und T-Shirts rum. Gut, die Sonne scheint und das Thermometer zeigt immerhin 8 Grad an, aber das ist ja wohl kein Grund zur Ursache, wenn der Wind so eisig pfeift, dass ich in mehreren Schichten dickster Winterkleidung fast noch erfriere. Verrückte Welt. Mal ganz abgesehen davon, dass man hier hauptsächlich Anzugträger sieht – entweder Banker oder aber Ballonseidenjogginganzugträger (an dieser Stelle gilt mein Dank dem Kollegen Kopp für das Prägen diese schönen Begriffs!). Generell scheint man hier der Kälte ganz gut trotzen zu können: einige Damen lassen schon tiefer blicken, als möglicherweise angebracht ist im Namen des guten Geschmacks, diverse Komilitonen laufen hier in Bermudabadehosen, Flipflops und dünnsten T-Shirts über den Campus, was mir alleine durch den Anblick kalte Schauer über den Rücken jagt, und ich habe sogar schon einen Dachdecker gesehen, der oben ohne in der Morgensonne stand – bei 4° Celsius in aller Herrgottsfrühe durchaus eine Leistung!

Jetzt sitze ich hier und frage mich, ob ich Anselms erkenntnismetaphysischen Ansatz im Proslogion-Argument in meine Ausarbeitung zum Thema ontologische Gottesbeweise aufnehmen soll oder doch aus Platz- und Zeitersparnisgründen eher weglassen soll… die zweite Option wäre sicherlich die verlockendere, andererseits wäre dann zu fragen, wie es um die Qualität der Arbeit bestellt sein wird… Fragen über Fragen, manchmal kann Philosophie ganz schön anstrengend sein. Morgen früh gehe ich mir zuerst bei Mace´s mein Frühstück erjagen, und kann endlich mit dem Texten anfangen und hoffentlich 8 Seiten Gotteswahn in einem Rutsch runterschreiben. Am Freitag treffe ich mich dann noch mit der letzten Dozentin, bei der ich hier eine Veranstaltung belege, mit der geschäftsführenden Professorin Maeve Cooke und bis dahin habe ich hoffentlich mit Anselm abgeschlossen. Nicht, dass ich noch dem erzkatholischen Gotteswahn anheim falle. Und wenn ich die kommunikationsfreudigen Mitbewohner dann auch noch auf Portugiesisch palavern höre, wovon ich ja eh kein Wort verstehe, dann ist der Ofen eh grade aus. So nett die auch sind – vor allem Flavio hat ein viel zu lautes Stimmorgan, wenn man grade über Plantingas mögliche Welten liest und wie er daraus die Existenz eines Gottes abzuleiten versucht. Aber er wird damit eh scheitern, da bin ich mir sicher.

Und an dieser Stelle bleibt mir dann nur noch übrig, mit den gewogenen Worten von Tatwaffe zu schließen, der da sagte: “Teil zwei … folgt!” (Die Firma: Der Plan, Teil 1; auf: Krieg und Frieden)

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SVEN KRETZSCHMAR is a poet and writer from the the southwest of Germany. He writes poems in English (and, rarely, in German) and absurd short prose in German. Aside from writing, he sometimes expands his creative work to painting, drawing and book illustrations. Sven Kretzschmar is a poet and writer from the southwest of Germany, who has read Philosophy and English at Saarland University (BA), Modern and Contemporary European Philosophy in Luxembourg (MA) and Medical Ethics at UCD (MLitt). His poetry has been published in the OTwo magazine of UCD’s The University Observer, the catullan, Skylight 47, and Coast to Coast to Coast, Ropes, and The Wild Word among others, and he was awarded 1st prize in the Creating a Buzz in Strokestown competition 2018. Further work has appeared with Poetry Jukebox in Belfast and is forthcoming Smithereens Literary Magazine and in several anthologies from Irish publishers scheduled for autumn 2019. Sven is the illustrator of Grimwig and Bert Borrone’s Perpetual Motion, both authored by Bert Hornback, and the editor of Think Pieces. Food for Thought (a festschrift). He is the current acting chairman of the German-Irish Society Saarland and a former coordinator of the European Federation of Associations and Centres of Irish Studies as well as of the Leuven Centre for Irish Studies.
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1 Response to “Time is approachin´, the captain moves on”

  1. Esther says:

    Halli,
    also das mit dem zuwenig anziehen haben die Engländer und die Iren wohl gemeinsam… 😉 wünsch dir noch eine tolle Zeit!
    viele Grüße ausm Saarland

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